„Ich wollte Deutschland nicht nur aus Lehrbüchern, Erzählungen oder Medien kennen, sondern das Land von innen heraus erleben.“
Prof. Dr. Daumantas Katinas ist neben seiner Haupttätigkeit als Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Philologie der Universität Vilnius (VU) als Vorsitzender des DAAD-Alumni-Vereins Litauen tätig. Außerdem leitet er das litauische Landesbüro der Deutsch-Baltischen Zukunftsstiftung (DBJW) und ist Vorsitzender der Zweigstelle Litauen der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS).
Akademischer Werdegang:
- 1999–2003: Studium der Germanistik an der Universität Vilnius
- 2002: DAAD-Studienaufenthalt an der Universität-Gesamthochschule Essen
- 2003: DAAD-Studienaufenthalt an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
- 2003–2005: Masterstudium der Deutschen Sprachwissenschaft
- 2004: DAAD-Studienaufenthalt an der Universität Duisburg-Essen
- 2008–2010: DAAD-Promotionsstipendium an der Universität Duisburg-Essen
- 2010: Promotion zum Dr. phil. an der Universität Duisburg-Essen
Was hat Sie dazu bewogen, in Deutschland zu studieren und sich für ein DAAD-Stipendium zu bewerben?
Schon seit meiner Kindheit wollte ich Lehrer werden. Mein Interesse galt dabei besonders der deutschen Sprache, die an meiner Schule intensiv unterrichtet wurde. Durch Schulpartnerschaften konnte ich Berlin und Hamburg bereits als Schüler besuchen, was mich dazu bewog, mich nach dem Abitur für ein Germanistikstudium zu entscheiden. Ich wollte Deutschland nicht nur aus Lehrbüchern, Erzählungen oder Medien kennen, sondern das Land von innen heraus erleben. Mein Antrieb war es, mich nicht nur selbst weiterzubilden, sondern die in Deutschland gewonnenen Erfahrungen später an meine eigenen Schüler weiterzugeben und sie mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut zu machen.
Inwiefern haben akademische oder außeruniversitäre Aktivitäten Ihre Studienzeit in Deutschland bereichert?
In Deutschland habe ich eine beeindruckende Kommunikationskultur an der Universität kennengelernt: Das Verhältnis zwischen Dozierenden und Studierenden war geprägt von gegenseitiger Akzeptanz und einer Begegnung auf Augenhöhe. Natürlich kam ich auch mit der deutschen Bürokratie in Berührung; sie hinterließ bei mir jedoch keinen negativen Eindruck, sondern vermittelte mir eher ein tiefes Verständnis für deutsche Ordnung. Außerhalb der Hörsäle habe ich das Land intensiv erkundet: Dank zahlreicher Reisen mit dem Wochenendticket oder regionalen Zügen konnte ich fast ganz Westdeutschland kennenlernen. Diese Ausflüge boten mir die Chance, Deutschland, seine Städte und Bundesländer aus nächster Nähe zu erleben und viele interessante Menschen zu treffen.
Gab es besondere Herausforderungen während Ihres Studiums in Deutschland – und wie sind Sie damit umgegangen?
Größere Schwierigkeiten gab es während meines Aufenthalts in Deutschland nicht. Dennoch war es anfangs eine Herausforderung, den Seminaren in authentischer deutscher Sprache zu folgen, fließend mit den Professoren zu kommunizieren und mich in einer Großstadt zurechtzufinden, die anfangs riesig und fast einschüchternd wirkte. Dank der Unterstützung durch Betreuer, Tutoren und Dozenten legte sich dieses Gefühl jedoch nach wenigen Wochen. Schließlich lief alles so reibungslos, dass mir der Abschied von Deutschland am letzten Tag sehr schwerfiel und ich das Land mit Tränen in den Augen verließ.
Welche Kontakte oder Netzwerke, die Sie in Deutschland geknüpft haben, sind Ihnen heute besonders wichtig?
Meine Aufenthalte in Deutschland haben mein Leben tief geprägt, insbesondere die Zeit an der Universität Duisburg-Essen. Selbst mehr als 20 Jahre nach meinem ersten Besuch dort pflege ich noch enge Kontakte zu ehemaligen Mitstudierenden aus aller Welt. Besonders erfreulich ist, dass aus den damaligen akademischen Kontakten im Laufe der Jahre eine vom DAAD geförderte Germanistische Institutspartnerschaft (GIP) zwischen der Universität Vilnius und der Universität Duisburg-Essen hervorging. Auch die DAAD-Alumninetzwerke, sowohl in Deutschland als auch in Litauen, sind aus meinem beruflichen und persönlichen Alltag nicht mehr wegzudenken.
Haben Sie abschließend eine lustige Anekdote aus Ihrer Zeit in Deutschland?
Mein wohl einprägsamstes und amüsantestes Erlebnis in Deutschland war ein kleiner Zwischenfall mit der Autobahnpolizei. An einem sonnigen Herbsttag wollten meine Mitstudierenden und ich die Landschaften im Ruhrgebiet erkunden. Mit dem Semesterticket in der Tasche fuhren wir mit dem Zug umher, bis wir an einem kleinen Bahnhof eine beeindruckende Brücke über der Ruhr entdeckten. Wir wollten unbedingt die Aussicht von dort oben genießen, fanden aber keinen regulären Aufgang. Nach einem langen Fußmarsch wollten wir nicht einfach aufgeben und kletterten kurzerhand durch das dichte Gebüsch nach oben. Erst oben angekommen bemerkten wir, dass wir uns direkt auf einer Autobahnbrücke befanden. Ungeachtet des strikten Fußgängerverbots wagten wir uns auf die Brücke, um ein paar Fotos zu schießen. Wir hatten gerade die ersten Bilder gemacht, als wir plötzlich Sirenen hörten. Ein Streifenwagen hielt an, und wir wurden – unter strengen Blicken – direkt in den Polizeiwagen verfrachtet. Nach einer kurzen, aber ernsten Befragung hatten die Beamten jedoch ein Einsehen mit uns neugierigen ausländischen Studierenden. Sie ließen uns nicht nur laufen, sondern zeigten uns freundlicherweise auch den offiziellen Weg über eine Treppe nach unten, damit wir nicht wieder durch das Gebüsch klettern mussten. An diese Geschichte erinnere ich mich noch heute sehr gerne zurück.